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© Alexander Hauk Bayern Nachrichten Pixelio

„Killerspiele“ – ein konservatives Hirngespinst

Mai 8th, 2009 · 5 Kommentare

Der bayrische Staatsminister des Innern, Joachim Herrmann, hat in einer Pressemitteilung behauptet, es gebe Computerspiele, bei denen der Spieler Pluspunkte dafür erhalte, seine Gegner möglichst grausam zu Tode zu quälen. Ich  schrieb ihn an:

Moin!
Sie haben in einer Pressemitteilung behauptet, es gäbe ein Computerspiel, bei dem man Pluspunkte dafür erhalte, wenn man seine Gegner auf möglichst grausame Weise zu Tode quälen würde. Mir ist ein solches Spiel nicht bekannt, will aber nicht von vornherein ausschließen, dass es ein solches gibt. Können Sie mir sagen, wie es heißt, oder wenigstens, wie sie von diesem Spiel erfahren haben?

Mit freundlichen Grüßen

Nico Nissen

Schon wenige Tage nach dem Amoklauf in Winnenden habe ich bei der CDU/CSU-Fraktion gefragt:

Moin!

Meine Fragen beziehen sich auf diese Presseerklärung.

1. Findet die CDU/CSU-Fraktion es nicht seltsam, dass trotz der weiten Verbreitung der Ego-Shooter nur ein Bruchteil der Spieler zu Gewaltverbrechern wird?

2. Hat die CDU/CSU-Fraktion wissenschaftliche Beweise dafür, dass Ego-Shooter Gewaltverbrechen fördern?

3. Hält die CDU/CSU-Fraktion es für möglich, dass nicht eher psychische Gründe zu Amokläufen führen?

4. Hält die CDU/CSU-Fraktion den Einsatz von Schulpsychologen für sinnvoll und wird darüber nachgedacht, diese vermehrt einzusetzen?

Mit freundlichen Grüßen

Nico Nissen

Beide Schreiben blieben unbeantwortet.

Dieser zweifelhaft Umgang mit der Wahrheit ist typisch für die Konservativen, aber leider auch für die journalistisch schlampig arbeitenden Medien.Wer ein Verbot fordert, punktet bei konservativen Wählern, wer mehr Schulpsychologen fordert, gilt als Gutmensch. Wissenschaftliche Erkenntnisse fechten genauso wenig an wie gesunder Menschenverstand.

Es gibt keine Beweise dafür, dass Computerspiele Menschen zu Mördern machen würden, sondern lediglich Hinweise darauf, dass sie unmittelbar nach dem Spielen enthemmend wirken. Hinweise, keine Beweise. Eine wirkliche Expertin, die in den Fernseh-Magazinen jedoch nie zu Wort kam, äußerte sich in der Rheinischen Presse skeptisch zum Vorhaben, “Killerspiele” zu verbieten, und sieht keinen Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Computerspielen:

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Jungen in der Altersgruppe des Amokläufers auf ‘Killerspiele’ zu treffen, ist relativ hoch. Dies sagt noch nichts über den Beitrag solcher Spiele zu einer Amoktat aus.

Statt wirkliche Abhilfe durch zusätzliche Schulpsychologen zu schaffen, wird eine ganze Altersgruppe kriminalisiert. Dafür werden auch in propagandistischer Manier Spiele erfunden, die es nicht auf dem deutschen Markt gibt – wie das, bei dem man angeblich Punkte dafür bekommt, wenn man seine Gegner möglichst grausam zu Tode quält. Für Politiker ist das kein Problem, denn Jugendliche dürfen oder gehen nicht wählen. Politiker können sich zudem auf die Unwissenheit ihrer entsetzten Wähler und die Unterstützung unseriöser Journalisten verlassen. Das scheint zu gelingen: Laut Umfragen befürwortet eine Mehrheit in der Bevölkerung ein Verbot von “Killerspielen” – ohne dass sie weiß, was das ist.

Infos:
Killerspiel-Spiele.info
Stigma Videospiele

Blog:
Kontroversen.de

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Tags: Allgemein

5 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Kampfflummi // Mai 9, 2009 at 22:36

    Solche Spiele gibt es durchaus, aktuell z.B. Mad World für die Wii. Sie bewegen sich in der Regel allerdings unterhalb des Medienradars oder sind Minigames die schnell untergehen. Ob jemand wie Joachim Herrmann ein solches Spiel kennt, wage ich dennoch zu bezweifeln.

  • 2 Nico // Mai 9, 2009 at 23:14

    “Mad World” erschien ein halbes Jahr nach der Pressemitteilung von Herrmann.

  • 3 Kampfflummi // Mai 10, 2009 at 12:16

    Jap, auf das Datum habe ich nicht geachtet. Dann nehme ich als Beispiel Stair Fall, wo es Punkte dafür gibt ein Strichmännchen möglichst brutal eine Treppe runterfallen zu lassen. Das gleiche gab es auch als “vom Auto überfahren lassen” und ähnlichem.
    Das Element taucht übrigens auch immer dann auf, wenn man Bonuspunkte dafür bekommt Gegner nicht nur zu besiegen, sondern mit möglichst viel Extraschaden zu besiegen, sprich weiter auf ihn einzuschlagen wenn er schon wehrlos ist. Kommt unter anderen in einigen Street Fighters vor.
    Ich habe auch gerade beim zweiten durchsehen bemerkt, dass Herrmann Gewaltspiele in einen direkten Zusammenhang mit schlechter schulischer Leistung bringt, was ich ja noch mal besonders putzig finde :)

  • 4 Nico // Mai 13, 2009 at 15:10

    Gerade habe ich gelesen, dass Herrmann sogar “Killerspiele” mit Kinderpornografie gleichgesetzt hat. Ist der nicht mehr ganz dicht?

  • 5 „Killerspiele“ aus Sicht der SPD: Gesunder Menschenverstand statt Hirngespinste | Parteienblog // Jun 8, 2009 at 19:56

    [...] ich bereits festgestellt hatte, dass die „Killerspiel“-Debatte von CDU und CSU durch Hirngespinste und dumpfen Populismus geleitet ist, aber sicherlich nicht durch gesunden Menschenverstand, erhielt ich heute eine [...]

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